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Eingebaute Nachhaltigkeit / Built-in Sustainability

Eingebaute Nachhaltigkeit Ideensammlung auf einer Tagung

Ob Menschen in einem Gebäude Abfall vermeiden, hängt vom Gebäude ab.

Susan Rößner

Gebäude benötigen ein Abfallkonzept – und dies sollte von Anfang an in der Planung mitbedacht werden. Oft beschränken sich die PlanerInnen eines Gebäudes allerdings auf die Integration eines beliebigen Mülltonnenplatzes, wenn es darum geht, Abfallströme in einem Gebäude zu steuern. Das Ergebnis sind meist dunkle, unwirtliche und wenig einladende Abstellorte, die man schnell wieder verlassen und im schlimmsten Fall gar nicht erst aufsuchen möchte. Aber wie muss die Abfallsammlung eigentlich gestaltet sein, damit die GebäudenutzerInnen ihre Abfälle ordnungsgemäß entsorgen und diese anschließend so effektiv wie möglich recycelt werden können?

Wichtig sind hier: die richtigen Stellplätze für Abfallbehälter (wo befindet sich ein Abfallbehälter?), die richtige Anzahl an Abfallbehältern (wieviele Behälter werden benötigt?), die richtige Gestaltung einer Abfallsammelstation, zum Beispiel durch Beleuchtung, Belüftung und Raumkonzepte, und die richtige Beschriftung, sowohl was Wegeleitsysteme im Gebäude als auch die Beschilderung der Abfallbehälter angeht.

Werden diese Dinge berücksichtigt, entstehen gute Abfallsammelstellen – mit dem Ergebnis, dass Abfall besser getrennt, das Restmüllaufkommen reduziert und ein Impuls für das Abfallvermeiden gesetzt wird.

Abfallvermeidung architektonisch verankern

Einen Schritt weiter gedacht: Wie lässt sich Abfallvermeidung – über den Mülltonnenplatz hinaus – architektonisch und gestalterisch in ein Gebäude integrieren? Wie kann man für MitarbeiterInnen in Firmengebäuden sowie für BewohnerInnen in Mehrparteienhäusern Anreize schaffen, Müll zu vermeiden? Hier sind entsprechende infrastrukturelle Angebote im Gebäude nötig, die den „Ton“ in einem Gebäude setzen und die Spaß machen. Sie werden im Planungsprozeß für ein Gebäude von Anfang an mitgedacht.

Architektonische und Gestaltungselemente, die zur Müllvermeidung beitragen, sind beispielsweise:

Gemeinschaftswaschküchen: Die Haushalte eines Mehrparteienwohnhauses teilen sich Waschmaschinen, die in einem für alle zugänglichen Raum untergebracht sind. Dies spart nicht nur Ressourcen und Abfälle, da weniger Waschmaschinen benötigt werden). Es schafft auch Platz (die einzelnen Wohnungen benötigen keinen Stellplatz für die Waschmaschine) und spart Geld (die Anschaffungskosten für eine private Waschmaschine entfallen).

Ein Wäscheplatz für das Lufttrocknen von Wäsche: Dies spart nicht nur Wäschetrockner (und den Müll, den diese erzeugen, wenn sie an ihr Lebensende gekommen sind), sondern auch Energie zum Betreiben der Wäschetrockner.

Gemeinschaftsküchen: Wo – zum Beispiel pro Etage – gemeinsam ein oder mehrere Kühlschränke, Gefriertruhen, Herde und Kleinküchengeräte genutzt werden, müssen diese nicht in so hoher Anzahl hergestellt. Auch die Anschaffung durch Einzelne entfällt.

Plätze und Räume für Sharingangebote: Foodsharing, Hausgerätesharing, Spielzeugsharing, Bücherbox, Give-Box / Verschenkbox / Warenbörse, Gartengerätesharing, Sportgerätesharing (Ski, SUP, Federball), Pflanzentauschbörse.

Ein Gemeinschaftsgarten mit Komposthaufen: Dieser kann sich im Hof oder auf dem Dach befinden. Nicht nur bringt gemeinsames Gärtnern die Menschen zusammen und re-regionalisiert die Lebensmittelversorgung. Ein Garten hilft auch, Bioabfälle in Form von Kompost direkt vor Ort zu verwerten.

Eine Werkstatt / ein Repair-Hub: In einem gemeinsam genutzten Raum werden Werkzeuge, eine Nähmaschine, Arbeitsflächen und Arbeitsmaterialien (Holz, Farbe, Eisenwaren, Stoffe) gesammelt und allen zur Verfügung gestellt. Mit diesen kann dann Kaputtes und Altes repariert und aufgebessert werden – ein wichtiger Beitrag zu Suffizienz und Konsumwende.

Eine Kaffeebecherstation: Diese Idee stammt aus den Etsy Headquarters in Brooklyn (USA). Im Foyer eines Gebäudes platziert man auf einem Barwagen oder in einem Regal neben der Haustür gut sichtbar wiederverwendbare Kaffeebecher. Wer gerade vorhat, sich in der Gebäudeumgebung einen Kaffee zu kaufen, bekommt hier die Möglichkeit, quasi im Vorbeigehen die wiederverwendbare Alternative einzupacken und einen Einwegkaffeebecher einzusparen. Hierbei handelt es sich nicht um ein architektonisches Element, dafür kann es aber nachträglich hinzugefügt werden. Ein kraftvolles Signal an wiederkehrende Gebäude-NutzerInnen, im Alltag müllvermeidend zu handeln. Die Idee ist für Wohn- wie für Geschäftsgebäude gleichermaßen geeignet.

Nachhaltiges Handeln architektonisch verankern

Dieses Konzept – ich nenne es „Eingebaute Nachhaltigkeit“ bzw. „Built-in sustainability“ lässt sich auch auf die Nachhaltigkeitsbereiche Mobilität, Energie, Konsum und Ernährung anwenden. Mir geht es dabei nicht um die technische Gebäudeausrüstung (TGA), das heißt den Einbau von energieeffizienter und dekarbonisierter Strom-, Wärme- und Wasserversorgung – auch wenn dies natürlich zentral für die angestrebte Bauwende ist. Vielmehr interessieren mich auch hier architektonische und gestalterische Lösungen, die umweltfreundliches Handeln automatisieren. Im Folgenden liste ich Beispiele für die jeweiligen Handlungsbereiche auf:

Nachhaltige Mobilität: Ideen für die architektonische Verankerung

Einbau eines Fahrradabstellraums. Dieser sollte geräumig, überdacht, auf derselben Ebene wie der Hauseingang und in Geschäftsgebäuden ggf. mit einer Duschmöglichkeit ausgestattet sein.

Leider verpflichtet die STVO nach wie vor zu einer bestimmten Anzahl an Stellplätzen pro Hausgemeinschaft. Hier kann darauf geachtet werden, die Stellplätze möglichst reversibel zu gestalten, um sie – bei einer hoffentlich bald eintretenden Verbesserung der STVO – anders nutzen zu können. Es empfiehlt sich eine möglichst geringe oder keine Versiegelung.

Energie sparen: durch gestalterische und architektonische Elemente

Einen Wäscheplatz oder ein Wäschetrockenraum mit Wäscheleinen einrichten (wie bereits oben erwähnt). Wäsche wird auch ohne energieverbrauchende Wäschetrockner trocken.

Das Treppenhaus geschickt platzieren. Es sollte beim Zugang in ein Gebäude eher zu sehen sein als der Fahrstuhl, um die GebäudenutzerInnen zum Treppensteigen statt zum Aufzugfahren zu motivieren. Dann ist auch gleich etwas für die Gesundheit getan.

Strom-, Gas- und Wasserzähler in den Wohnungen platzieren. Dies kann dazu beitragen, dass die VerbraucherInnen ein größeres Bewusstsein für ihre Verbräuche haben. Ideal wären hier Zähler, die pro verbrauchte Einheit einen Signalton abgeben. Mir ist jedoch kein Modell bekannt, das diese Funktion bietet.

Einhebel-Mischbatterien durch Kaltwasserhähne ersetzen: Einhebelmischbatterien verleiten dazu, den Hebel aus purer Liebe an der Symmetrie immer in der „Mitte“ zu haben. Beim Aufdrehen wird so automatisch warmes Wasser angefordert, auch wenn dieses gar nicht benötigt wird und auch wenn der Waschvorgang viel zu kurz ist, damit das warme Wasser überhaupt bei der/dem NutzerIn ankommt. Statt Einhebelmischbatterien mit einem Regler, der frontal zum Nutzer ausgerichtet sind, sind Regler an der Seite schon einmal besser. Oder man entscheidet sich – zum Beispiel in öffentlichen Toiletten – für reine Kaltwasserhähne oder für Kaltstarthähne. Letztere sind zwar Einhebelmischbatterien, die Grundstellung mit Griff in der Mitte liefert aber nur kaltes Wasser. Um warmes Wasser abzurufen, muss die/der NutzerIn den Hebel aktiv nach links oder rechts drehen (CoolStart-Serie von hansgrohe).

Konsumwende: Leichter mit Hilfe von Architektur und Gestaltung

Ein Gästeappartement einrichten (in Mehrparteienhäusern). Dieses sollte – um Leerstand zu vermeiden – nur eingerichtet werden, wenn eine hohe Auslastung gewährleistet werden kann, trägt aber dazu bei, Kundschaft aus den leider meist Wohnraum verdrängenden Hotelketten abzuziehen.

Schwarzes Brett im Hausflur: Hier können die BewohnerInnen alles annoncieren, was die Hausgemeinschaft bewegt: Altes und ungeliebtes Vertauschen und Verschenken, Dienstleistungen als Babysitter anbieten oder zum Essen einladen.

Keller- und Dachbodenflächen verkleinern oder abschaffen: Denn wo weniger Platz zum Lagern ist, wird auch weniger gekauft.

Nachhaltige und krisenresiliente Ernährung: Ideen für Häuser und Quartiere

Ein Gemeinschaftsgarten hilft, die Lebensmittelversorgung zu regionalisieren, macht glücklich und bringt Menschen zusammen.

Eßbarer Landschaftsbau (Foodscaping): Hier werden Zierpflanzen durch Eßbares ersetzt, zum Beispiel Obstbäume, Beerensträucher und mehrjährige Gemüsepflanzen.

Ein Platz für gelieferte Gemüseboxen: Oft haben Gemüsekisten-AbonnentInnen Angst um ihre Ware, wenn diese einfach vor der Tür abgestellt wird. Ein regen- und diebstahlsicherer fest eingerichteter Platz kann hier Abhilfe schaffen.

Es gibt zudem weitere Ideen, die ich dem Bereich „Wohlfühlen“ zuordne. Denn nur wem es gut geht, wird sich die Zeit nehmen und die Muße empfinden, nachhaltig zu handeln:

Biophiles Design: Die Idee ist hier, dass von jedem Fenster aus etwas Grünes in Pflanzenform sichtbar ist – ob ein Baum oder ein ganzer Park. Ist dies nicht der Fall, kann man die Pflanzen auch ins Gebäudeinnere holen – mit Topfpflanzen oder einer Pflanzenwand.

Kunst: Kunst am oder im Bau macht das Leben reicher. Durch Kunst verbinden wir uns mit uns selbst und mit der Welt. Kunst zeigt uns, dass nicht immer alles einen Sinn haben muss und dass wir nicht immer alles verstehen müssen, sondern etwas – wie tröstlich – auch einfach hinnehmen, wir uns ihm ergeben dürfen.

Gern erstelle ich Ihnen ein Abfallkonzept für Ihren Neubau oder Bestandsbau oder berate Sie zum Thema Eingebaute Nachhaltigkeit.

Bei meinen Konzepten arbeite ich mit Erkenntnissen aus der Umweltpsychologie und berücksichtige meine langjährige Erfahrung als Zero Wasterin. Denn Menschen brauchen eine Umgebung, die sie zu nachhaltigem Handeln inspiriert und motiviert. Verhaltensänderungen, die sonst oft mühsam und langwierig sind, werden den NutzerInnen eines Gebäudes auf diese Weise erleichtert und der Nachhaltigkeit von vornherein mehr Chancen eingeräumt.

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